Glosse: Vom Eilen, das mit sich selber eilt - Ein Stilexperiment
- Norbert Distler

- vor 2 Tagen
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Es ist früh, der Kaffee dampft, und schon zerrt es. Eine Liste will abgearbeitet, ein Selbst will optimiert, ein Tag will bezwungen sein. Wir nennen das Produktivität. Genauer besehen ist es eine Flucht — und das Komische an der Flucht ist, dass sie mitläuft.
Schon Seneca bemerkte, dass niemand so sehr in Eile ist wie der, der seine Zeit verschwendet. Festina lente, eile mit Weile, sagten die Alten, und wir hören es und checken dabei das Handy. Die Beschleunigung verspricht ein Ankommen — und liefert nur das Vorlaufen. Wir hetzen, qua Hetzende, einem Ende entgegen, das im Hetzen selbst verschwindet.
Denn was beschleunigen wir eigentlich? Den Weg ins Nichts, sub specie aeternitatis betrachtet. Wir verschwinden ohnehin — das ist keine Drohung, nur eine Tatsache, die der Kalender taktvoll verschweigt. Und genau in diesem ohnehin verlorenen Posten optimieren wir mit einer Inbrunst, als ginge es um die Rettung. Wir feilen am Schlaf, am Schritt, an der Atemfrequenz. Wir vermessen das Leben, statt es zu führen.
Das Wesentliche aber, das einzige, das wir je wirklich besitzen, ist der Augenblick — kairós, der rechte, gefüllte Moment, im Unterschied zur bloß verstreichenden Uhrzeit. Und ausgerechnet ihn geben wir her. Wir tauschen das Da-Sein gegen das Gleich-fertig-Sein. Die Gegenwart wird zum Material für eine Zukunft, die, kaum erreicht, schon wieder Material ist. Ein Sich-Vorlaufen ohne Ankommen.
Hier wird es heikel, und ehrlich. Der Druck, der uns treibt, kommt nämlich nicht von außen — auch wenn wir das gern glauben, weil man Äußeres bekämpfen kann. Er ist eine Druck-Geworfenheit von innen. Wir erzeugen den Konflikt im eigenen Inneren und versuchen ihn dann bitterlich im Außen zu lösen: noch eine Maßnahme, noch ein Tool, noch ein System. Vergeblich, prima facie schon. Man kann einen inneren Imperativ nicht durch äußere Effizienz besänftigen. Man kann nur aufhören, im trüben Glas zu rühren — und warten, bis sich der Schlamm setzt und das Wasser von selbst klar wird.
Und der Preis dieser ganzen Anstrengung? Die Freiheit. Wir geben sie ab, Stück für Stück, an die Erwartung, an das Tempo, an ein Bild von uns, das niemand je ausgesprochen hat und dem wir trotzdem gehorchen — das Man-selbst, wie ein gewisser Schwarzwälder Philosoph gesagt hätte. Wir werden effizient und dabei unfrei. Und in der Unfreiheit verschwenden wir nicht irgendetwas, sondern das Eigentliche: das Mensch-Sein, das in keiner Metrik auftaucht.
Gelassenheit — das Wort kommt von lassen, vom Geschehen-Lassen. Nicht Trägheit, sondern das höhere Tun des Nicht-Eingreifens. Vielleicht ist das der einzige Ausweg, der keiner ist: nicht schneller rühren, sondern die Hand stillhalten. Nicht das Nichts bekämpfen, in dem wir verschwinden, sondern aufhören, ihm davonrennen zu wollen.
Der Kaffee ist inzwischen kalt. Auch gut. Manchmal ist das Kaltwerden des Kaffees der einzige Moment des Tages, der nichts von uns wollte.
Quod erat demonstrandum.
Dieser Text ist ein Experiment: einmal alles, was ich sonst herausstreiche, mit Absicht hineingeschrieben — die Fremdwörter, das Pathos, der Heidegger-Sound. Entstanden im Spiel mit Claude.

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