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Innen und Außen: Wie ich als Coach arbeite

Norbert Distler über seine Coachinghaltung – und warum die eigentliche Arbeit oft im Inneren beginnt


Wenn ich beschreiben soll, wie ich als Coach arbeite, dann ist da zunächst einmal ein Pendel. Zwischen dem Individuum und dem System. Zwischen dem, was im Inneren eines Menschen passiert, und dem, was sich in Teams, Organisationen und Märkten abspielt. Dieses Pendel beschreibt mich – und es beschreibt auch meine Arbeit. Es gibt Zeiten, da bin ich ganz nah an einer einzelnen Person und ihren inneren Landschaften. Und es gibt Zeiten, da schaue ich auf die Dynamik einer ganzen Organisation. Beides gehört zusammen. Beides braucht einander.


Zwei Sprachen, ein Blick

Ich bin Physiker und Psychologe. Das klingt erst mal nach einem ungewöhnlichen Doppel, aber es ergibt für mich totalen Sinn. Als Physiker kenne ich mich mit Steuerung und Vorhersagbarkeit aus – und mit deren Grenzen. Chaostheorie, nichtlineare Dynamik, das sind keine abstrakten Konzepte für mich, sondern tägliche Erfahrung in der Arbeit mit Organisationen. Und als Psychologe weiß ich, dass sich die Unsicherheit und die Konflikte von heute nicht mit mehr Kontrolle lösen lassen. Die Lösung liegt darin, Freiräume zu schaffen. Für kreative Leistung brauchst du Raum.

Dieser doppelte Blick macht es mir leichter, bei Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Tech-Führungskräften anzudocken. Die sprechen meine Sprache – und ich ihre. Gleichzeitig bringe ich etwas mit, das in dieser Welt nicht selbstverständlich ist: die Bereitschaft, auch an die inneren Themen zu gehen.


Wer zu mir kommt

Die Menschen, mit denen ich arbeite, stehen meistens unter Druck. Viele von ihnen leiten Teams, Projekte, Unternehmen. Ihre Kalender sind zum Teil fünffach überbucht. Sie sind leistungsfähig und engagiert – und oft an einem Punkt, wo die bisherigen Muster nicht mehr greifen.

Die Themen, die sie mitbringen, klingen erst mal praktisch: Konflikte im Team, ein schwieriger Auftritt, die neue Führungsrolle, Work-Life-Balance. Aber hinter dem Praktischen liegt fast immer etwas anderes. Annahmen im Hintergrund, die darüber entscheiden, wie jemand agiert. Innere Stimmen, die sagen: Du musst das schaffen. Du darfst nicht inkompetent wirken. Du darfst dir nicht in die Karten schauen lassen.

Woran ich den Druck erkenne? Manchmal sind es Gesundheitsthemen, Schlafstörungen, Rastlosigkeit. Manchmal ist es die Ungeduld im Umgang mit anderen, die Sprechgeschwindigkeit, dieses permanente Erreichbarsein. Aber was mich wirklich anspricht, ist, wenn ich das Leid spüre. Das ist ein großes Wort, aber es trifft es. Es braucht dieses Anliegen – und ich muss es spüren.


Die Arbeit im Innen und im Außen

Wenn ich meine Art zu coachen beschreibe, dann sage ich den Leuten am Anfang: Es gibt die Arbeit im Außen – Strategien, Techniken, Optionen. Da könnte man auch den Ratgeber lesen. Und dann gibt es die Frage: Was hält mich davon ab, das tatsächlich anders zu machen? Das sind die inneren Hindernisse. Die Imperative, wie ich als Führungskraft zu sein habe. Die Überzeugungen, die so tief sitzen, dass ich sie für Realität halte.

Ich bin fest davon überzeugt: Wir produzieren oft die Konflikte, die wir in uns tragen, im Außen. Wenn Menschen unter Stress sind, wird das Wahrnehmungsfeld eng, sie gehen in den Überlebensmodus und greifen auf alte Verhaltensmuster zurück – und dann entstehen Konflikte, die eigentlich innere Konflikte sind. Eine Frau, die nicht delegieren konnte, weil sie um keinen Preis inkompetent wirken durfte, hat ihrem Kollegen vorgeworfen, unzuverlässig zu sein, ist für ihn eingesprungen und über ihre eigenen Grenzen gegangen. In dem Augenblick, als sie anerkennen konnte, dass sie es gar nicht in der Hand hat, ob sie inkompetent wirkt oder nicht – auf einmal konnte sie loslassen.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Es braucht Vertrauensbasis, es braucht Timing, und es braucht den Mut, an das Unangenehme heranzugehen.


Meine Haltung: Nicht-Wissen und Sicherheit

Meine Haltung in der Arbeit ist die des Nicht-Wissenden. Das Wissen steckt in der Organisation und in den Menschen. Den Zugang dazu zu erleichtern – das ist mein Ziel. Ich bin kein Ratgeber, der mit fertigen Antworten kommt. Ich bin jemand, der Fragen stellt, Räume öffnet und dann genau hinschaut, was auftaucht.

Gleichzeitig – und das wurde mir erst durch Feedback von anderen bewusst – strahle ich offenbar ein Gefühl von Sicherheit aus. Jemand hat mir mal gesagt: Du hast keine Angst, wenn schwierige Themen hochkommen. Ich glaube, das stimmt. Ich habe Vertrauen darauf, dass im gemeinsamen Hinschauen etwas entsteht. Trust the process, wie man so schön sagt. Es taucht immer wieder auf: Dieses Vertrauen darauf, dass etwas einfällt, wenn man den Raum dafür schafft – und dass man auch mit dem Nichtwissen arbeiten kann.

Am Anfang meiner Coaching-Laufbahn war das anders. Da war mehr Verkrampfung, mehr eigene Imperative, mehr Angst, nicht die richtige Intervention zu finden. Die Erfahrung hat mir gezeigt: Je gelassener ich selbst bin, desto mehr entsteht im Gemeinsamen. Und das ist ja auch die Grundidee: Für kreative Leistung brauchst du Raum. Das gilt für die Coachees – und es gilt auch für mich als Coach.


Der Imperativ-Detektor

Im Lauf der Jahre habe ich so etwas wie einen inneren Imperativ-Detektor entwickelt. Wenn jemand spricht und ich diese innere Enge spüre, diese Sollensvorstellungen – „Ich muss", „Ich darf nicht", „Es geht nicht anders" – dann schlägt etwas in mir an. Ich gehe nicht sofort rein. Aber ich registriere es, und ich überlege, wann der richtige Moment sein könnte, das testweise anzusprechen.

Manchmal ist das ein einziger Satz: „Stellen Sie sich mal für einen Moment vor: Es kann sein, dass ich mir mit diesem Verhalten schade." Und dann schauen wir gemeinsam, was innerlich passiert. Bei einer Führungskraft, die gesundheitlich angeschlagen war, aber sich selbst kein Homeoffice erlaubte, obwohl er es seinen Mitarbeitenden ermöglicht hatte – da hat dieser eine Satz eine Erschütterung ausgelöst. Und in der Woche darauf hat er etwas getan, was er vorher nicht getan hat. Er hat angekündigt, dass er von zu Hause arbeitet. Die Reaktion seines Teams? „Super. Kümmer dich um dich."

Solche Momente – wo ein innerer Shift einen äußeren nach sich zieht – das ist es, was mich antreibt. Da geht mir das Herz auf.


Der Raum zwischen Optimierung und Gelassenheit

Viele meiner Coachees kommen aus einer Welt, die auf Optimierung getrimmt ist. Schneller und effizienter, immer mehr vom Gleichen. Und ich sehe immer wieder denselben Mechanismus: Je mehr Druck da ist, desto mehr greifen Menschen auf altbekannte Muster zurück. Mehr Kontrolle, mehr Planung, mehr von demselben. Das ist verständlich – aber es ist auch eine Falle.

Je mehr ich mich selbst optimiere, umso mehr ist alles, was ungeplant auftaucht, eine Störung. Der Mitarbeiter, der mich um Hilfe bittet. Die Marktveränderung, die keiner vorhergesehen hat. Die eigene Erschöpfung. Alles wird zum Störfaktor in einem System, das keinen Spielraum mehr hat.

Was es stattdessen braucht, ist das Gegenteil von Optimierung: Spielraum. Zeit, die nicht schon verplant ist. Resilienz lässt sich nicht herbeiverdichten. Sie braucht Freiräume, die man bewusst einplant – in Organisationen genauso wie bei einzelnen Menschen. Das beobachte ich seit über zwanzig Jahren in jeder Organisation, mit der ich arbeite.

Watzlawick hat das so treffend beschrieben: Man versucht, Lösungen auf der gleichen Ebene zu finden, auf der das Problem entstanden ist. Mehr Kontrolle bei Kontrollverlust. Mehr Tempo bei Zeitmangel. Was es braucht, ist eine Lösung auf einer anderen Ebene. Und ich glaube, dass die Arbeit am Inneren – das Anerkennen, dass es unsicher ist, dass ich es nicht komplett in der Hand habe, dass es bedrohlich sein darf – genau dieser Ebenenwechsel ist.

Wenn diese Akzeptanz da ist, kann ich erst fragen: Wo kommt Sicherheit her, wenn die äußere Sicherheit fehlt? Aus den eigenen Stärken. Aus dem Team und den Beziehungen, die tragen. Statt dem Sicherheitsgefühl hinterherzuhecheln, kann ich schauen, worauf ich mich tatsächlich verlassen kann.


Die Werkzeuge – und warum es um mehr geht als Methoden

Ich arbeite mit verschiedenen Ansätzen. Introvision, IFS, PEP, Achtsamkeit, Systemtheorie, lösungsorientierte Fragen à la Gunther Schmidt, Gewaltfreie Kommunikation – die Liste ist lang und hat sich über viele Jahre aufgebaut. Aber die Methoden sind Werkzeuge, nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist die Begegnung. Gemeinsam das Unangenehme anzuschauen. In Präsenz einer Person das eigene Leid nicht allein tragen zu müssen. Das ist ein Wirkfaktor, den auch eine KI nicht ersetzen kann, auch wenn man vieles heute allein machen kann und Selbststeuerung enorm wertvoll ist. Aber durch das Unangenehme gemeinsam hindurchzugehen – das ist ein zentraler Wirkfaktor, davon bin ich überzeugt.

Was mich dabei leitet, ist Transparenz. Ich sage den Leuten, was ich mache und warum. Wenn ich in einen Introvisionsprozess einsteige, benenne ich das. Wenn ich rausgehe aus der reinen Introvision und etwas anderes probiere, sage ich das auch. Und ich frage immer wieder: Ist das für Sie stimmig? Sind Sie neugierig, da genauer hinzuschauen? Die Verantwortung bleibt beim Gegenüber. Immer.


Verlangsamung

Wenn ich all die Fäden zusammennehme – die innere Arbeit, die Stärkenorientierung, die Achtsamkeit, das Vertrauen in den Prozess – dann komme ich immer wieder bei einem Wort an: Verlangsamung.

In einer Welt, die auf Geschwindigkeit optimiert ist und in der unsere ganze Umgebung darauf ausgelegt ist, unsere Aufmerksamkeit zu kapern, ist Verlangsamung fast schon ein Akt des Widerstands. Aber es ist auch der Schlüssel für Veränderung. Denn nur wenn ich langsamer werde, merke ich überhaupt, was gerade passiert. Nur dann habe ich Zugang zu meinen Ressourcen, zu meiner Gelassenheit, zu neuen Möglichkeiten.

Je gelassener ich bin, desto besser kann ich mit dem umgehen, was kommt. Das ist jetzt nicht nur meine Überzeugung – das sagt auch Gunther Schmidt immer wieder: „Wenn es mir gut geht, habe ich den bestmöglichen Zugang zu meinen Ressourcen." Deswegen fallen uns die guten Ideen unter Druck nicht ein. Deswegen eskalieren Konflikte, wenn die innere Enge da ist. Und deswegen braucht Veränderung nicht noch mehr Druck, sondern zunächst einmal Raum.

Wenn mich jemand fragen würde, wo ich anfangen soll – ich stehe unter Druck und weiß nicht weiter –, dann würde ich sagen: nicht sofort etwas verändern wollen, sondern über den Tag verteilt immer wieder ein, zwei Minuten Raum geben für die Wahrnehmung dessen, was gerade ist. Ein State Check. Wie fühlt sich der Druck an? Wo sitzt er? Das ist keine Selbstoptimierung, das ist das Gegenteil davon. Es ist Wahrnehmung. Und es ist der erste Schritt.


Es beginnt bei mir

Das Eigene so ernst zu nehmen wie die Firma – das ist für viele meiner Coachees eine echte Herausforderung. Und ehrlich gesagt, es ist auch für mich eine ständige Aufgabe.

Gelassenheit beginnt bei sich selber. Das lässt sich übersetzen in: Raum für das eigene Wohlbefinden schaffen. Schlaf ernst nehmen. Körperliche Fitness. Die eigenen Imperative immer wieder befragen, die eigenen Ansprüche und Gewohnheiten hinterfragen. Wenn ich da selber kein gutes Beispiel bin – und auch daran immer wieder arbeite – dann kann ich es anderen nicht vermitteln. Dann fehlt die Glaubwürdigkeit.

Was mich antreibt, nach all den Jahren? Es reduziert das Leid. Das ist tatsächlich mein Antreiber. Wenn ich erlebe, wie ein Mensch, der getrieben und unter Druck war, auf einmal eine andere Ausstrahlung bekommt. Wenn die Feedbacks aus dem Umfeld kommen, dass jemand entspannter ist, sich mehr Zeit nimmt, sogar mehr leistet als vorher. Wenn selbst die Kinder entspannter sind, weil ein Elternteil innerlich angekommen ist. Dann weiß ich: Das ist es, wofür ich diese Arbeit mache.

Ich bin ein Mensch, der liebt, was er tut. Komplexität und Einfachheit in Balance zu bringen und daraus zu schöpfen – für mich und für andere – das ist für mich Ausdruck von Leben.


Norbert Distler ist Diplom-Psychologe und Diplom-Physiker, systemischer Coach (ICF PCC, SG- und DBVC-zertifizierte Ausbildung), systemtheoretischer Organisationsberater und zertifiziert in Introvision (Universität Hamburg) sowie PEP. Seit 2004 arbeitet er selbstständig als Coach, Berater und Trainer mit Fokus auf innovativen Mittelstand und erwachsene Start-ups. Er ist Kursleiter auf Insight Timer und Referent u.a. am Metaforum in Abano.

 
 
 

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