Was passiert, wenn ein Team seine Stärken entdeckt
- Norbert Distler

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Über 200 stärkenorientierte Veranstaltungen. Über 100 Teamentwicklungen. Und nach all den Jahren kann ich eines sagen: Der Moment, in dem ein Team beginnt, seine Unterschiedlichkeit als Ressource zu begreifen, verändert die Zusammenarbeit grundlegend.
Warum Stärkenarbeit im Team wirkt
Die meisten Teams, die ich begleite, funktionieren. Sie liefern Ergebnisse, halten Deadlines ein, lösen Probleme. Aber vieles davon passiert wegen der Unterschiedlichkeit im Team und nicht trotz ihr. Der analytische Kopf ärgert sich über die Kollegin, die „einfach loslegt". Die empathische Führungskraft wird vom Pragmatiker als „zu weich" wahrgenommen. Der Visionär nervt den, der Struktur braucht.
Das ist menschlich. Und Stärkenarbeit dreht diese Perspektive um: Sie schafft einen Rahmen, in dem Unterschiedlichkeit plötzlich Sinn ergibt.
Der Moment, in dem es kippt
In meinen Workshops gibt es einen Punkt, den ich nach all den Jahren noch immer bemerkenswert finde. Er passiert meistens am ersten Tag, wenn die Talentverteilung im Team sichtbar wird. Alle legen ihre Stärkenprofile nebeneinander und sehen zum ersten Mal: So unterschiedlich sind wir also.
Und dann beginnt ein Prozess, den ich nach all den Workshops immer noch faszinierend finde. Jemand erkennt: Die Kollegin, die immer „zu schnell" war, hat ein starkes Aktivierungstalent. Der Kollege, der „zu vorsichtig" ist, bringt genau die Sorgfalt mit, die das Team braucht. Was vorher Reibung erzeugt hat, bekommt einen Namen und damit eine andere Bewertung.
Das ist kein Trick. Es ist das, was passiert, wenn Menschen ihre eigenen Stärken kennenlernen und gleichzeitig die der anderen sehen. Die Energie im Raum verändert sich.
Von der Erkenntnis zur Zusammenarbeit
Die Erkenntnis allein reicht natürlich nicht. Deshalb arbeite ich in Teamentwicklungen immer auf mehreren Ebenen.
Zunächst geht es darum, die eigene Talentdynamik zu verstehen.
Was sind meine Top-Stärken? Wie wirken sie zusammen? Wo geben sie mir Energie, wo kosten sie mich Kraft?
Das ist Einzelarbeit: Jeder setzt sich mit seinem Profil auseinander, stellt es den anderen vor und bekommt stärkenorientiertes Feedback. Dass Kolleginnen und Kollegen sich gegenseitig sagen, was sie aneinander schätzen, hat eine Wirkung, die mich auch nach Jahren noch berührt.
Dann wird es spannend: Wie unterstützen unsere Stärken die gemeinsamen Ziele? Wo gibt es natürliche Synergien? Und wo fehlt etwas, das wir als Team kompensieren müssen?
Den wichtigsten Schritt sehe ich in der Bildung komplementärer Partnerschaften. Zwei Menschen, deren Stärken sich gegenseitig ergänzen, gehen bewusst eine Arbeitsbeziehung ein. Nicht weil der eine eine Schwäche hat, sondern weil beide zusammen mehr abdecken als jeder für sich. Weg von „ich muss alles können", hin zu „wir ergänzen uns bewusst".
Was Führungskräfte daraus mitnehmen
2007 sagte mir ein Bereichsleiter eines Energieunternehmens nach einem Workshop: „Wenn das stimmt, machen wir unsere Personalentwicklung falsch. Wir setzen unsere Leute dorthin, wo sie sich entwickeln sollen." Er meinte damit: dorthin, wo sie ihre Schwächen ausmerzen sollen. Dieser Satz begleitet mich bis heute, weil er ein Muster beschreibt, das ich immer noch sehe. Viele Unternehmen schauen vor allem darauf, wo Menschen noch nicht gut genug sind. Was dabei fehlt: der Blick darauf, wie Menschen ihre vorhandenen Stärken weiterentwickeln können.
Shawn Achor hat es in seinem TED Talk auf den Punkt gebracht: Wer Schwächen nivelliert, bekommt bestenfalls Durchschnitt. Wer Stärken entwickelt, bekommt Spitzenleistung, und zwar mit Energie statt mit Erschöpfung. Gallup bestätigt das seit Jahren mit harten Zahlen: Teams, die stärkenorientiert arbeiten, sind produktiver, engagierter und profitabler. Stärkenarbeit ist keine Wohlfühlmaßnahme.
Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe: Nach einer stärkenorientierten Teamentwicklung verändern sich Gespräche. Konflikte verschwinden nicht, aber sie werden anders geführt. Statt „Du machst das falsch" heißt es „Du gehst da anders ran als ich, wie können wir das nutzen?" Das klingt simpel. In der Praxis braucht es den Workshop, damit dieser Satz keine Floskel bleibt.
Und es hält an. Teams, die ich nach Monaten wiedersehe, berichten, dass die Stärkensprache in den Alltag eingewandert ist. Dass sie in Meetings anders aufeinander schauen. Dass Aufgaben bewusster verteilt werden, nach Stärke statt nach Hierarchie oder Gewohnheit.
Warum das CLYOScope® hier neue Möglichkeiten eröffnet
Die meisten meiner bisherigen Teamentwicklungen habe ich mit CliftonStrengths durchgeführt, ein bewährtes Instrument, das ich weiterhin schätze und nutze. Seit einiger Zeit arbeite ich zusätzlich mit dem CLYOScope®, und gerade für die Teamarbeit sehe ich großes Potenzial.
Zwei Dinge fallen mir besonders auf: Die Komplementärstärken des CLYOScope® machen für Teams sofort greifbar, warum bestimmte Konstellationen reibungslos funktionieren und andere nicht. Wenn klar wird, dass Kreativität und Schaffensdrang zwei Seiten derselben Medaille sind und ein Team beide braucht, ändert sich die Dynamik. Das muss man nicht lange erklären, die Struktur spricht für sich.
Dazu kommt die Sprache: Ich nutze den StrengthsFinder im DACH-Raum selbstverständlich auch in der deutschen Version, aber manche Übersetzungen sind hakelig. Wenn im CLYOScope® statt „Behutsamkeit" einfach „Sorgfalt" steht, dockt das besser an den kulturellen Stärken im deutschsprachigen Raum an. Und das CLYOScope® bietet eine feinere Differenzierung, gerade bei der Arbeit mit Teams macht sich das bemerkbar.
Was bleibt
Stärkenarbeit im Team ist für mich nach all den Jahren nicht einfach eine Methode unter vielen. Nicht fragen, warum es nicht funktioniert. Sondern schauen, wie es zusammen funktionieren kann. Manchmal reicht es, den Menschen im Raum zu zeigen, was sie alles mitbringen, damit sie aufhören, sich gegenseitig zu reparieren, und anfangen, sich zu ergänzen.
Wer das einmal erlebt hat, geht anders in Zusammenarbeit.
Dieser Artikel knüpft an meinen Beitrag „Warum das CLYOScope® mein neues Lieblingsinstrument ist" an. Dort geht es um den Stärkentest selbst – hier um das, was passiert, wenn ein ganzes Team damit arbeitet.




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